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„Mir macht das Lernen richtig Spaß.“

Lena hat mit viel Energie und großem Eifer ihren Hauptschulabschluss nachgeholt und macht jetzt eine Ausbildung zur Zierpflanzengärtnerin

Klaus-Peter Martin, Jugendbüro der Stadt Neu-Isenburg

Für eine Lehrstelle konnte sich Lena nicht bewerben. Sie wusste ja, ein Hauptschulabschluss ist das Mindeste, was die Ausbildungsbetriebe von Bewerberinnen und Bewerbern erwarten. Lena hatte aber keinen Schulabschluss, sie besaß noch nicht einmal irgendein  Zeugnis aus einer vorigen Klasse. So konnte sie mit gleichaltrigen Schulabgängern nicht konkurrieren.

In Deutschland verlassen jedes Jahr im Sommer viel zu viele Jugendliche die Schule ohne Abschluss. Experten schätzen, dass jeder Zwölfte ohne jeglichen Schulabschluss entlassen wird. Vereinzelt sind es auch 14 Prozent eines Jahrgangs, der Anteil schwankt aber nach Bundesland und Region sehr, und besonders bei Jugendlichen mit ausländischem Pass ist die Quote noch viel höher. Oft sind es die sogenannten Schulabbrecher, Schulverweigerer, die so ohne Perspektive die Schule verlassen müssen. Jugendliche, die schon früh angefangen haben den Unterricht zu schwänzen, bei bestimmten Lehrern, in bestimmten Fächern und bei den Klassenarbeiten fehlten; in kurzer Zeit haben sie so viel Lehrstoff versäumt, dass sie dem Unterricht nicht mehr folgen können. Misserfolge führen dann erst recht dazu, dass die Motivation zum Lernen und zum regelmäßigen Unterrichtsbesuch fehlt. Es ist ein Teufelskreis.

Ganz anders bei Lena. Weder mangelnde Motivation, noch ihr Verhalten ihren Mitschülern oder den Lehrern gegenüber und schon gar nicht ihre Intelligenz waren Schuld daran, dass sie zur Gruppe der Schulabbrecher gehörte. Die heute 19-Jährige kann eine ganz unglaubliche Geschichte erzählen. In Offenbach geboren, ist sie wie alle anderen Kinder ganz normal eingeschult worden. Aber schon in der zweiten Klasse war ihr Schulbesuch zu Ende. Die Eltern hatten sich getrennt, in der Familie herrschte ein großes Chaos. „Meine Mutter hat mich einfach nicht mehr zur Schule geschickt. Sie hat mich morgens nicht geweckt; und sie hat mich nie angehalten, in die Schule zu gehen,“ berichtet Lena. „Eigentlich wollte ich gehen. Aber ich fand allein nicht den Weg in die Schule.“ Erstaunlich, aber auch in der Schule scheint das Fehlen der kleinen Lena niemandem aufgefallen zu sein. Nach der Grundschule gingen ihre Klassenkameraden auf weiterführende Schulen, Lena saß zu Hause. Seit der zweiten Klasse hat Lena keine Schule mehr von innen gesehen. Sie hat viel ferngesehen, aber sich schon als Kind auch für Bücher interessiert. „Mein Bruder hat mir Grundlagen des Lesens, Schreibens und Rechnens beigebracht. Ich habe viel daheim für mich gelernt,“ erzählt Lena. Der ältere Bruder, der vor der Scheidung der Eltern noch regelmäßig zur Schule gegangen war – dann auch nicht mehr – war ein Glück für Lena. „Ich habe als Kind für mich viele Bücher gelesen, ich habe gelesen, gelesen, gelesen.“ Später, als sie ihren Schulabschluss nachgeholt hat, war Lena die Beste im Vorlesen gewesen. Denn als sie 16 Jahre alt war – die Schülerinnen und Schüler, die mit ihr eingeschult worden waren, haben zu der Zeit gerade ihre Schulzeit beendet - hat sich Lena gesagt: „So kann es nicht bleiben. Was soll denn aus mir werden?“ Und sie hat sich umgeschaut, wo sie noch einen Schulabschluss nachholen konnte. So ist sie mit 17 Jahren bei der GOAB, der Gemeinnützigen Offenbacher Ausbildungs- und Beschäftigungsgesellschaft mbH, gelandet. Dort wurde sie in eine sogenannte „Produktionsschule“ – Bereich Hauswirtschaft - aufgenommen und dort ein Jahr lang qualifiziert. Vor allem bekam sie so die Möglichkeit, sich auf eine externe Hauptschulabschlussprüfung vorzubereiten. Lena erzählt: „In diesem einen Jahr sind wir in der Woche drei Tage zur Schule gegangen und zwei Tage haben wir Praktikum gehabt. Zuerst war ich in einer Wäscherei. Durch Zufall bin ich hier in Neu-Isenburg bei Blumen-Pfeiffer in die Gärtnerei gekommen.“ Lena war mit einem guten Dutzend weiteren Schülerinnen und Schülern in dem Lehrgang. Und obwohl sie vorher lediglich eineinhalb Jahre zur Schule gegangen war, war sie die Lehrgangsbeste gewesen und hat die Ab-schlussprüfung mit einem Notendurchschnitt von 1,6 bestanden. Während einige andere vorzeitig abgebrochen haben oder die Prüfung nicht geschafft haben, war Lena hoch motiviert gewesen: „Ich habe mich richtig gefreut in die Schule gehen zu können, etwas lernen zu dürfen. Mir hat dieses Jahr richtig Spaß gemacht.“ In Mathe, wo sie eine Menge nachholen musste, hatte sie eine gute Unterstützung durch ihren Freund. Jetzt ist Lena auf ihren Schulabschluss mit Recht sehr stolz und sie freut sich, dass sie nach ihrem Praktikum durch Oliver Pabst die Möglichkeit bekommen hat, bei Blumen-Pfeiffer auch ihre Berufsaus-bildung zur Zierpflanzengärtnerin anzuschließen. Im Nachhinein ist Lena schon sauer auf ihre Mutter. „Ich werfe ihr das vor, weil, wer weiß wo ich jetzt wäre, wenn ich mich nicht selbst gekümmert hätte... Wenn ich das nicht gemacht hätte, würde ich heute noch zuhause sitzen.“

Eine ähnliche Produktionsschule wie sie die GOAB anbietet, betreibt auch das „Gelbe Haus“ in Offenbach im Bereich Holz. Und es gibt zahlreiche weitere Angebote um einen versäumten Schulabschluss nachzuholen. Hier einige Adressen:

GOAB-Produktionsschulen
Herr König / Herr Harenberg
Mühlheimer Straße 185
63075 Offenbach
Tel.: 0 69/86 70 15

Gelbes Haus
Marienstr. 36
63069 Offenbach am Main
Tel.: 0 69/84 58 00

Abendhaupt- und Abendrealschule
Willemerstr. 10
60594 Frankfurt am Main
Tel.: 0 69/212-3 0413

Die Abendhaupt- und –realschule in Frankfurt ermöglicht es Erwachsenen ab 18 Jahren, in einem Jahr den Hauptschulabschluss nachzuholen und in weiteren zwei Jahren nachträglich – auf dem sogenannten „zweiten Bildungsweg“ – den Realschulabschluss zu erwerben. Die 23 Wochenstunden, die dazu notwendig sind, werden entweder im Nachmittagskurs ab 13:45 Uhr oder – interessant für Vollzeitberufstätige – abends von 18 Uhr bis 22 Uhr angeboten.

Internationaler Bund (IB)
Freier Träger der Jugend-, Sozial- und Bildungsarbeit e.V.
Bildungszentrum Langen
Frau Einloft-Achenbach
Robert-Bosch-Str. 24
63225 Langen
Tel.: 0 61 03/20 556-0

Der Internationale Bund bietet u.a. einen besonderen Lehrgang an: FAuB - Fit für Ausbildung und Beruf. FAuB ist ein einjähriges außerschulisches Programm für Jugendliche, die nach der Erfüllung des 9. Schulbesuchsjahres ohne oder mit schwachem Schulabschluss die Schule verlassen und keinen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz  gefunden haben. Auch hier findet an zwei bis drei Tagen pro Woche Unterricht und Vorbereitung auf die Hauptschulabschlussprüfung statt, an den restlichen Wochentagen ein betriebliches Praktikum, berufliche Orientierung und Bewerbungstraining.

Blumen Pfeiffer, Friedhofstraße 21, 63263 Neu-Isenburg, Telefon 06102/39413, Fax 06102/599714, E-Mail info@blumen-pfeiffer.de